«Jedes Produkt soll perfekt sein»

TESSANDA – Das rare Handwerk des Handwebens wird in der Manufaktur in Val Müstair in Graubünden noch gepflegt und zelebriert. Das Heute gleicht dem Damals – Webtechniken und Webstühle haben sich erhalten seit 1928. Es entstehen mit viel Herzblut, Präzision, Fingerspitzengefühl, Sorgfalt und Geduld schöne Artikel für Küche, Tisch und Bad – notabene 100 Prozent Schweizer Qualität.

(Bilder: zVg) Genauigkeit bis ins Detail: Die Tessanda-Frauen sind gut ausgebildete Handwerkerinnen, die ihren Beruf lieben.

Tac-tac-tac-tac-tac-tac – das warm-hölzerne Klacken der Webstühle ist im grosszügigen Verkaufsraum und draussen auf der Via Val Müstair gut zu hören. Rhythmische Klänge, die einen erfassen und einem in eine andere Zeit versetzen, jenseits von Hektik und Trubel. Die Tessanda-Webstühle sind, teilweise über hundertjährig. «Bei uns sind 28 hölzerne Webstühle im Einsatz. Der älteste dürfte rund 120 Jahre alt sein. Darauf weben wir Gewebe für Küche, Tisch, Bad, Wohnen sowie auch Accessoires. Traditionell sind es funktionale, langlebige Artikel», erklärt Maya Repele, Geschäftsleiterin der Handweberei in Val Müstair. Sie ist eine Macherin und das Herz der Handweberei Tessanda. Vor fünf Jahren verliess die Powerfrau Zürich und zog in eines der abgelegensten Täler in der Schweiz, um die uralte Tradition des Handwebens zu neuem Glanz zu verhelfen – mit Erfolg. «Als ich 2017 in den Stiftungsrat gewählt wurde, interessierte mich vor allem die betriebswirtschaftliche Herausforderung, die Tessanda zu sanieren und sie wieder auf Erfolgskurs zu bringen. Aber heute liegen mir das Handwerk und die 18 Mitarbeiterinnen sehr am Herzen.»

In der beinahe 100-jährigen Geschichte der Tessanda gab es einige Krisen – auch lebensbedrohende – zu bewältigen. Die letzte grosse Herausforderung war 2017. «Seit der Reorganisation im 2018 setzen wir konsequent auf Textilen aus 100 Prozent natürlichen Garnen, die wie anno dazumal auf traditionellen Webstühlen handgewoben werden.» Die qualitativ hochwertigen Produkte werden sorgfältig designt und gefallen auch urbanen Menschen. «Wir führen unseren Betrieb nach modernen betriebswirtschaftlichen Prinzipien. Wir müssen erfolgreich geschäften, damit wir langfristig eine Überlebenschance haben», erklärt Repele.

An einem Arbeitstag werden die Schiffchen mit Schnellschuss bis zu 30’000-mal von Hand hin und her geschleudert.

Die Tessanda will das Handweben wertschätzen, es lebendig halten, fördern und es für alle Interessierten facettenreich erlebbar machen. «Das bedeutet unter anderem, dass wir jungen Frauen – als einer von nur noch fünf Betrieben schweizweit – ermöglichen, bei uns auch die dreijährige Lehre als Gewebegestalterin EFZ (früher Handweberin) zu absolvieren», konkretisiert Repele. Zudem werden Führungen durch die Webräume angeboten, um Jung und Alt das schöne Handwerk näherzubringen. «Wir organisieren auch Web- und Filetstickkurse.»

«Bei uns sind 28 hölzerne Webstühle im Einsatz. Der älteste dürfte rund 120 Jahre alt sein.»

Echte Handwerkerinnen
Die Tessanda ist dank ihrer langjährigen Geschichte und dem raren Handwerk des Handwebens ein wichtiges Kulturgut für das Bündner Tal. Wie es einst ein Einheimische treffend ausdrückte, «gehört die Tessanda zur Val Müstair wie die Butter aufs Brot». Heute beschäftigt die Tessanda 18 Frauen und ist eine wichtige Arbeitgeberin – insbesondere für Frauen – im von der Abwanderung betroffenen Bündner Tal. «Wir sind zudem auch eine Tourismus-Attraktion und tragen nicht unbedeutend zur lokalen Wertschöpfung bei.» Die Tessandra befindet sich seit 1958 in einer alten, schönen Liegenschaft direkt an der Hauptstrasse in Sta. Maria Val Müstair. Im Erdgeschoss ist das Ladengeschäft, der Web-Schauraum sowie das eigene Nähatelier untergebracht. Auf drei weiteren Etagen wird gewoben. Am Anfang steht das Einrichten des Webstuhles, das eine aufwändige Arbeit ist, die viel Erfahrung, Sorgfalt und Konzentration erfordert. «Für ein Gewebe in einer Breite von 160 cm, zum Beispiel eine Tischdecke, benötigt die Weberin rund 40 Stunden allein für das Einrichten des Webstuhls. Erst dann kann sie mit dem eigentlichen Weben beginnen», erklärt Repele. Ein erfahrener Schreiner aus dem Dorf pflegt und hegt die alten Webstühle.

Handweben mit langer Tradition
Je nach Art des Gewebes – breit/schmal, dickes/dünnes Garn, heikles/robustes Material – webt eine erfahrene Weberin 80 bis 6400 cm pro Tag. «Das ist nur die reine Webzeit, hinzu gerechnet müssen anteilsmässig das Einrichten des Webstuhls sowie die Näharbeiten für die Fertigstellung der Produkte», so Repele. Beim Handweben werden – vereinfacht gesagt – zwei Arten von Fäden im rechten Winkel miteinander verwoben: Die bis zu 3000 Kettfäden werden auf den Webstuhl straff aufgezogen, im Schiffchen wird ein einziger Schussfaden durch die Kettfäden geschossen. So entsteht Schuss um Schuss ein Gewebe. Die Weberin muss den schweren Webladen immer genau gleich fest anschlagen – jede noch so kleinste Unregelmässigkeit in der Intensität des Anschlages ist im Gewebe sichtbar. Verwendet werden unterschiedliche Garne – alle sind 100 Prozent natürlich: Beispielsweise Baumwolle, Schaf-, Alpaka-, Cashmere- und Merinowolle, Seacell, Ziegengarn, Leinen, Seide, Jute, Hanf und Papiergarn. «Die Ursprungsherkunft ist gänzlich unterschiedlich, je nach den klimatischen Gegebenheiten.» Die Ingredienzien des Erfolgs und der Wettbewerbsfähigkeit sind Qualität, Authentizität, Innovationsfreudigkeit und grosser Einsatz, verfeinert mit einer guten Prise Herzblut. «Jedes Produkt soll perfekt sein.» So ist es nicht verwunderlich, dass die Tessanda schon einige Auszeichnungen gewonnen hat. Dazu gehört der erste Preis in der Kategorie Textiles Handwerk im «European Textile & Craft Award 2024» (vgl. Kasten).

Die Tessanda ist dank ihrer langjährigen Geschichte und dem raren Handwerk des Handwebens ein wichtiges Kulturgut für das Bündner Tal.

Zu der Kundschaft gehören Privatpersonen, aber auch Firmen, die es schätzen, echtes, traditionelles und lokal hergestelltes Handwerk zu kaufen, das natürlich auch seinen Preis hat. Zu den regelmässigen grossen Aufträgen gehören die Teppichaufträge nach Mass. «Sehr gefreut hat uns eine grosse Bestellung von Victorinox», so die innovative Geschäftsleiterin. Die Produkte sind im eigenen Ladengeschäft in Sta. Maria, im Online-Shop tessanda.ch sowie im Maistra Concept Store in Pontresina erhältlich.

Auch der Nachwuchs hat eine grosse Bedeutung – regelmässig werden Lernende ausgebildet, aktuell im 3. Lehrjahr. Dazu Repele:» «Das Handweben ist ein Beruf, der viel Fingerspitzengefühl, Sorgfalt und ein grosses Fachwissen erfordert. Die Weberin muss nicht nur alle komplexen Arbeitsschritte von A bis Z beherrschen, sondern auch die unterschiedlichen Materialien mit ihren Eigenheiten kennen.» Das Handweben in der Schweiz wird immer ein Nischenberuf sein. «Es braucht ein paar wenige, dafür aber motivierte Berufsfrauen, die ihren Beruf mit Herzblut ausüben», erklärt Repele und ergänzt: «In den letzten Jahren bildeten wir meist junge Frauen aus dem Unterland aus, die nach Abschluss der Lehre wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Nun haben wir uns entschieden, Frauen aus der Region den Vorzug zu geben, damit wir auch in Zukunft auf gut ausgebildete Weberinnen zählen können.»

Die Tessandra hat für die nächsten Jahre grosse Pläne. Geplant ist ein Neubau – die Finanzierung muss allerding noch sichergestellt werden. «Wir sind überzeugt, mit dem Neubau unsere bestehenden Produkte noch attraktiver präsentieren zu können und gleichzeitig neue Angebote wie Web- und Stickkurse, für die wir heute keinen Platz haben, im Hause anbieten zu können», sagt Repele.

Corinne Remund

www.tessanda.ch


European Textile & Craft Award 2024

Grosse Wertschätzung

Die Handweberei Tessanda aus Sta. Maria V.M. gewinnt den ersten Preis in der Kategorie Textiles Handwerk im «European Textile & Craft Award 2024». Sie wird für ihre Schürze «Maurus», für ihren Einsatz für das Webhandwerk und die Schaffung von Arbeitsplätzen von Frauen, für ihre mutigen Zukunftspläne und das länder- und talübergreifende Generations- und Handwerksprojekt gewürdigt.

Die ausgehändigte Trophäe des European Textile & Craft Award beinhaltet ein Stück Originalstoff der Arc de Triomphe-Verhüllung von 2020 der Verhüllungskünstler Christo (1935-2020) und Jeanne-Claude (1935-2009). Für die komplette Verhüllung des Triumphbogens wurden insgesamt 25’000 Quadratmeter wiederverwertbares, blau-silbernes Polypropylen-Gewebe und 3’000 Meter rotes Seil verwendet. Maya Repele, Geschäftsleiterin, und Lisa Frank, Chef-Näherin und Mitgestalterin der «Maurus»-Schürze, sind zusammen mit dem ganzen Tessanda-Team sehr glücklich: «Nur schon die Nomination für diesen Award war eine Überraschung und grosse Freude. Dass wir nun den ersten Preis in diesem internationalen Wettbewerb gewonnen haben, ist einfach nur grossartig! Wir sind stolz und dankbar für diese grosse Wertschätzung unserer Arbeit.»

CR

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